Neben dem Deutschlandticket könnte es bald ein bundesweites Angebot für alle geben, die nur hin und wieder Bus und Bahn nutzen. Die Verkehrsministerkonferenz berät derzeit über einen elektronischen Tarif, der vollständig über das Smartphone abgewickelt wird. Ein festes Monatsabo wäre dafür nicht mehr nötig.
Einchecken, fahren, auschecken
Der Vorschlag stammt aus Nordrhein-Westfalen und Hamburg und steht auf der Tagesordnung der Verkehrsministerkonferenz, die am 21. und 22. Oktober tagt. Unter dem sperrigen Titel „Bundesweiter elektronischer Gelegenheitstarif“ geht es um ein Modell, das im Grunde wie ein Deutschlandticket ohne Abobindung funktioniert. Fahrgäste melden sich beim Einsteigen per App an und am Ziel wieder ab, die Abrechnung läuft im Hintergrund automatisch. Die App kümmert sich dabei selbst um den passenden Tarif, die mühsame Suche nach dem richtigen Verbundangebot entfällt. Wie die Rheinische Post berichtet, soll das Angebot das Deutschlandticket ausdrücklich ergänzen und nicht ersetzen.
eezy.nrw dient als Blaupause
Als Vorbild dient das in Nordrhein-Westfalen bereits laufende System eezy.nrw. Dort reicht ein Fingertipp in einer unterstützten App, um die Fahrt zu beginnen. Den Startpunkt erfasst das Smartphone per GPS, ein Ziel muss vorab nicht angegeben werden. Nach dem Auschecken ergibt sich der Fahrpreis aus einem Grundbetrag und der Luftlinie zwischen Start und Ziel. Tarifzonen und Preisstufen verlieren damit weitgehend an Bedeutung. Zudem gilt ein monatlicher Kostendeckel, der nicht über dem Preis des Deutschlandtickets liegt. Dass das Konzept angenommen wird, zeigen die Zahlen aus dem September 2026: Allein in diesem Monat wurden in NRW rund 1,4 Millionen Fahrten über eezy abgerechnet.
Bundesweites Modell noch offen
Konkret beschlossen ist bislang allerdings nichts. Nordrhein-Westfalen soll das Konzept zunächst weiter ausarbeiten. Wie die Preisberechnung im gesamten Bundesgebiet aussehen würde und welche Apps den Tarif am Ende anbieten, ist derzeit noch völlig unklar. Für Gelegenheitsfahrer dürfte ein solches Angebot den Nahverkehr dennoch ein Stück attraktiver machen. Neu ist die Idee übrigens nicht: ein Blick ins Ausland zeigt, dass das Prinzip längst funktioniert. In London wird seit 2014 neben dem Bus auch in Tube, Overground, DLR und Tram kontaktlos per Bankkarte oder Smartphone bezahlt: Fahrgäste halten ihre Karte oder ihr Gerät zu Beginn und am Ende jeder Fahrt an das Lesegerät, abgerechnet wird automatisch. Eine Obergrenze sorgt dafür, dass pro Tag oder Woche nur ein bestimmter Höchstbetrag fällig wird – oder man automatisch in den passenden Tarif eingebucht wird. New York zog mit dem System OMNY nach. Dort wird an Drehkreuzen und in Bussen mit Karte oder Smartphone bezahlt, wer innerhalb von sieben Tagen 35 Dollar für U-Bahn und Busse ausgegeben hat, fährt für den Rest dieses Zeitraums kostenlos. Der Unterschied zum NRW-Modell liegt vor allem in der Technik: Während London und New York auf feste Lesegeräte setzen, ermittelt eezy Start und Ziel per GPS direkt über das Smartphone.
Gute Idee, aber das Grundproblem bleibt
Grundsätzlich halten wir einen einfachen, digitalen Tarif für Gelegenheitsfahrer für einen sinnvollen Schritt, der die Einstiegshürde in den ÖPNV spürbar senken kann. An unserer Kritik ändert das aber nichts. Das Hauptproblem ist nicht der Tarif, sondern das Angebot dahinter. Vor allem außerhalb der Ballungszentren fehlen schlicht die Infrastruktur und eine vernünftige Taktung. Schon der Weg in eine benachbarte Stadt kann sich mit Bus und Bahn schnell auf mehr als eine Stunde ausdehnen, während man mit dem Auto in der Hälfte der Zeit am Ziel ist. Solange sich daran nichts Grundlegendes ändert, macht auch der eleganteste App-Tarif den Nahverkehr für viele nicht zur echten Alternative.


